Nachtlinsen (Ortho-K-Linsen): Vorteile und Nachteile

Nachtlinsen (Ortho-K-Linsen): Vorteile und Nachteile

Kategorien: BehandlungenVeröffentlicht am: 17. Juli 2022Von 7,2 min LesezeitAktualisiert: 17. Juli 2022

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Inhaltsverzeichnis

nachtlinsen

Was sind Nachtlinsen?

Wie die Bezeichnung es bereits vermuten lässt, werden Nachtlinsen im Gegensatz zu gewöhnlichen Kontaktlinsen nur nachtsüber getragen. Mithilfe der harten Speziallinsen lassen sich verschiedene Formen von Sehschwächen therapieren. Das Ziel der Anwendung besteht darin, dass der Patient tagsüber auf Sehhilfen verzichten kann. Allerdings sind Nachtlinsen nicht bei allen Beschwerden anwendbar. Bei konsequentem nächtlichen Tragen stellt sich innerhalb von einer Woche eine deutliche Verbesserung der Sehstärke ein. Im Übergangszeitraum sollten die Anwender am Tage wie gewohnt ihre üblichen Sehhilfen wie Brille oder Kontaktlinsen nutzen.

Was sind Ortho-K-Linsen?

In der medizinischen Fachsprache werden Nachtlinsen auch als Ortho-K-Linsen bezeichnet. Der Begriff setzt sich aus folgenden Wortbestandteilen zusammen:

  • Keratologie: Lehre über die Hornhaut der Augen
  • Ortho: griechisch für „richtig“

Die Orthokeratologie befasst sich demzufolge damit, die Hornhautform gezielt zu verändern. Das Verfahren ist bei Kurzsichtigkeit besonders erfolgreich. Durch das nächtliche Tragen von Ortho-K-Linsen wird die Fehlsichtigkeit so korrigiert, dass am Folgetag keine Sehhilfe mehr notwendig ist.

Wie funktionieren die Nachtlinsen?

Nachtlinsen sind im Vergleich zu normalen Kontaktlinsen von besonders harter Beschaffenheit. Sie üben einen sanften Druck auf die Hornhaut aus. Auf diese Weise gelingt es, bestimmte Arten von Fehlsichtigkeiten temporär zu korrigieren. Insbesondere bei Hornhautverkrümmungen und / oder Kurzsichtigkeit ist das Verfahren erfolgversprechend.

Um die Wirkweise von Nachtlinsen zu verstehen, macht es Sinn, sich mit der Ursache von Fehlsichtigkeiten zu beschäftigen: Für die Sehkraft spielen sowohl die Dicke als auch die Form der Hornhaut eine entscheidende Rolle. Ist die Hornhaut verkrümmt und der Augapfel gleichzeitig zu lang, können Lichtstrahlen nicht ausreichend gebündelt werden. Dementsprechend kann der Patient in der Distanz nicht scharf sehen. Eine Ortho-K-Linse vermag diese Fehlbildung zu beheben.

Vereinfacht ausgedrückt: Durch den Druck der Nachtlinse wird die verformte Hornhaut zurück in die gewünschte Form gepresst. Das Auge ist nun wieder in der Lage, das einfallende Licht korrekt zu bündeln. Nach dem Herausnehmen der Linse hält der Effekt über mehrere Stunden an.

Was sind die Vorteile der Nachtlinsen?

Die Nutzung von Nachtlinsen bringt einige nennenswerte Vorteile mit sich. Nachfolgend möchten wir die wichtigsten Vorzüge kompakt auflisten:

  • Hoher Alltagskomfort: Tagsüber kann auf das Tragen von Brille und Kontaktlinsen verzichtet werden.
  • praktische und sichere Anwendung
  • kurze Eingewöhnungszeit
  • gute Verträglichkeit
  • kein (Operations-)risiko
  • Im Unterschied zu Brillen – Perfekt geeignet für Sportler.
  • Perfekt geeignet für Personen, deren Augen durch Bildschirmarbeit strapaziert werden.
  • Dämpfung von Kurzsichtigkeit bei Kindern

Was sind die Nachteile der Nachtlinsen?

Der Nachteil von Nachtlinsen besteht darin, dass man sie dauerhaft über Nacht anwenden muss. Sobald der Anwender die Linsen über einen längeren Zeitraum nicht mehr trägt, erreicht die Fehlsichtigkeit schnell wieder ihr ursprüngliches Niveau und die Sicht wird nicht besser. Darüber hinaus sind Nachtlinsen nicht für alle Patienten gleichermassen geeignet. Bei zu starken Ausprägungen von Kurz- oder Weitsichtigkeit sind die Nachtlinsen wirkungslos. Darüber hinaus werden die Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen. Zudem ist eine regelmässige augenärztliche Überwachung notwendig.

Auch der Hygieneaufwand ist nicht zu unterschätzen. Nachlässigkeiten können schnell zu bösartigen Hornhautentzündungen oder gar zu einer Verschlechterung der Sehschärfe führen.

Welche Fehlsichtigkeiten werden durch Nachtlinsen korrigiert?

Nachtlinsen kommen bevorzugt bei leichter bis mittlerer Kurzsichtigkeit zum Einsatz. Mithilfe der Orthokeratologie lassen sich Werte von bis zu minus 5 Dioptrien therapieren. Liegt zusätzlich eine Hornhautverkrümmung vor, so darf diese maximal bis minus 1,5 Dioptrien betragen. Im Falle von Weitsichtigkeit ist die Wirkung der Nachtlinsen deutlich begrenzt. Ihr Einsatz macht lediglich bei geringer Ausprägung von bis zu minus 3 Dioptrien Sinn.

Ab wann kann man die Wirkung der Nachtlinsen feststellen?

Bis sich die positive Wirkung der Nachtlinsen entfaltet, müssen Patienten ein wenig Geduld aufbringen. Normalerweise stellt sich innerhalb von sieben Tagen ein erster deutlicher Effekt sein. Im Einzelfall kann es jedoch auch länger dauern. Dies hängt vor allem von der Art und Stärke der Sehschwäche ab. Während des Übergangszeitraums sollten Patienten, wie bereits erwähnt, weiterhin wie gewohnt zu ihren üblichen Sehhilfen greifen.

Für wen ist diese Methode empfohlen?

Der Einsatz von Nachtlinsen eignet sich grundsätzlich für Personen, die eine Kurzsichtigkeit von maximal minus 5 Dioptrien und / oder eine Hornhautverkrümmung von maximal minus 1,5 Dioptrien aufweisen. Teilweise weichen die Herstellerangaben der Kontaktlinsen ab, sodass sich auch Werte von minus 6 Dioptrien bzw. minus 2,5 Dioptrien finden lassen.

Hobby- und Profisportler können von der Nutzung besonders profitieren: Beim Sport eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen wird meist als überaus störend empfunden. Dies gilt vor allem für sämtliche Wassersportarten. Mithilfe von Nachtlinsen können Sportler tagsüber auf eine Sehhilfe verzichten, ohne dafür Einbussen bei ihrer Sehschärfe hinnehmen zu müssen.

Weiterhin sind Nachtlinsen für Personen empfehlenswert, die beruflich (oder privat) viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Dass Bildschirmarbeit die Augen massiv anstrengt, ist längst erwiesen. Wer vor einem Bildschirm arbeitet, blinzelt automatisch zu wenig. Dies führt dazu, dass das Auge nicht mehr ausreichend befeuchtet wird. Im schlimmsten Fall kann es durch die Überreizung zu schmerzenden, trockenen Augen sowie zu Kopfschmerzen kommen.

Auch für Personen, für die eine Laser-Operation nicht in Betracht kommt, stellen Nachtlinsen eine lohnenswerte Alternative dar. Selbiges gilt, wenn das Tragen von Tageskontaktlinsen nicht möglich oder nicht erwünscht ist.

Wer ist ungeeignet für diese Methode?

Kontaktlinsen beheben lediglich leichte Ausprägungen von Fehlsichtigkeit. Ist die Sehschwäche zu stark fortgeschritten, muss auf andere Therapiemassnahmen zurückgegriffen werden. Hierbei kann es sich um herkömmliche Sehhilfen oder auch um eine Operation handeln.

Personen, die beruflich auf das Auto angewiesen und auch in den Abendstunden unterwegs sind (Taxifahrer, Berufskraftfahrer etc.), sollten sich nicht auf die Wirkung der Ortho-K-Linsen verlassen. Der positive Effekt der Linsen nimmt im Laufe des Tages kontinuierlich ab, sodass nach einigen Stunden wieder der Status quo erreicht ist. Das menschliche Gehirn ist jedoch nicht fähig, diese Veränderung korrekt und in Echtzeit wahrzunehmen. Wer nun abends Auto fährt, geht ein vermeidbares Risiko ein.

Kann die Nachtlinse als Alternative zur Operation betrachtet werden?

Viele Menschen scheuen sich davor, einen Eingriff im Augenbereich vornehmen zu lassen. Auch wenn es sich bei der Laseroperation mittlerweile um einen Routineeingriff handelt, birgt sie wie jedes invasive Verfahren gewisse Risiken. Mithilfe der Nachtlinse lässt sich das OP-Risiko bei vergleichbarem Ergebnis umgehen. In Abhängigkeit vom Ausgangsbefund können die Linsen also durchaus eine Alternative zur Operation darstellen. Was im Einzelfall sinnvoller ist, sollte jedoch mit dem behandelnden Augenarzt besprochen werden.

Worauf muss man beim Tragen achten?

Die Linsen müssen von einem Kontaktlinsenspezialisten individuell angepasst werden. Bestellen Sie sie keinesfalls ohne Anpassung selbst im Internet, denn diese Anpassung spielt eine wichtige Rolle bei der Korrektur von Fehlsichtigkeiten. Nachtlinsen sollten jede Nacht für einen Zeitraum von mindestens sechs Stunden im Auge verbleiben. Eine Tragedauer von über acht Stunden gilt es jedoch unbedingt zu vermeiden, um die lebensnotwendige Sauerstoffzufuhr der Hornhaut nicht zu beeinträchtigen. Letztere ist während des Schlafs bei geschlossenen Augenlidern bereits auf natürliche Weise verringert. Die Linsen verstärken diesen Effekt zusätzlich. Eine zu lange Tragedauer kann daher im Extremfall schwere Schädigungen wie z. B. eine Epithelablösung oder ein Aufquellen der Hornhaut zur Folge haben.

Wie sieht die richtige Linsenpflege aus?

Die korrekte Linsenpflege ist von elementarer Bedeutung, um Gesundheitsrisiken auszuschliessen. Dies gilt gleichermassen für Tages- als auch für Nachtlinsen. Vor jedem Einsetzen sollte der Träger sich daher gründlich die Hände waschen. Die tägliche Reinigung der Linsen erfolgt mit einer speziellen Flüssigkeit.

Wichtig zu beachten: Die im Linsenbehälter enthaltene Kombilösung ist lediglich zur einmaligen Verwendung vorgesehen. Auch der Linsenbehälter selbst sollte regelmässig ausgetauscht werden.

Bei gewissenhafter Pflege sind Nachtlinsen nahezu 12 Monate verwendbar. Anschliessend sollten sie ersetzt werden.

Fazit: Es kommt auf den Einzelfall an

Ob Nachtlinsen, Linsen, die über die Nacht getragen werden, eine geeignete Therapieform darstellen, ist vom Einzelfall abhängig. Jeder Einzelfall ist mit einem Kontaktlinsenspezialisten zu besprechen und die Linsen sind bei zugelassenen Händlern, z. B bei einer Optik zu bestellen. Da das Einsatzgebiet begrenzt ist, sind die Linsen nicht für alle Patienten eine geeignete Option. Bei leichter Kurzsichtigkeit kann sich ihr Einsatz aber durchaus lohnen. Zu bedenken ist allerdings, dass der Hygieneaufwand nicht zu unterschätzen ist und dass die Sehkraft im Laufe des Tages schwanken kann. Ausserdem ist lediglich eine temporäre Verbesserung möglich. Wer eine dauerhafte Korrektur der Sicht wünscht, für den ist das Laserverfahren die einzige Option.

Quellen

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